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03.01.2014 rss_feed

Wenn Sachargumente nicht mehr genügen - Ein Gastkommentar von Thomas Preuße, Chefredakteur der DLG-Mitteilungen

Thomas Preuße

Thomas Preuße

Ängste und Emotionen gelten in der Gesellschaft oft mehr als sachliche Argumente. Dieser Satz ist ein Klassiker in Diskussionen über das Verhältnis von »Bauern« und »Bürgern«. Als Feststellung ist er richtig. Aber häufig ist er nicht als Feststellung gemeint, sondern als Vorwurf: Die Gesellschaft soll sich – weil von Ängsten und Emotionen getrieben – gefälligst die sachliche Sichtweise der Landwirtschaft zu eigen machen. So verstanden ist der Satz falsch. Weil das nämlich bestenfalls im Kleinen funktioniert, nicht im Großen.

 

Ein Beispiel dafür ist die »Sau«, die in den letzten Tagen (buchstäblich) durchs Dorf getrieben wurde: die Diskussion um die Tötungen »überzähliger« Ferkel. Was hilft es, wenn der Amtstierarzt versichert, solche Praktiken seien grundsätzlich nicht illegal? Und überdies stehe man ja mit Brasilien im Wettbewerb.

Fachlich und sachlich korrekt, verstärkt diese Erklärung geradezu das Unbehagen gegenüber der Landwirtschaft. Es widerspricht Gefühlen gegenüber Tieren, vielleicht aber auch dem moralischen Empfinden, Ferkeln (selbst Kümmerern) den »Schädel einzuschlagen«– erst recht, wenn als Ursache eine überzogene Zucht gesehen wird. Und es verfestigt sich der Eindruck, in der Tierproduktion gebe es über individuelles Fehlverhalten hinaus doch einiges an Systemzwängen. Die traut man – sachlich falsch – eher großen als kleinen Betrieben zu.

 

Der Schlüsselbegriff in diesem Zusammenhang ist »Vertrauen«. Drastisch ausgedrückt denkt der Normalbürger doch so: Der Bauer nebenan, den ich kenne und schätze, kann so viele Ferkel erschlagen, wie er will. Er wird schon seine guten Gründe dafür haben. Der anonyme Betreiber einer Großanlage dagegen tut das aus reiner Profitgier – und sein Mitarbeiter, weil er früher Feierabend haben will.

 

Aus solchen Wahrnehmungen der landwirtschaftsfernen Gesellschaft entstehen Ängste und Emotionen. Sie lassen sich nicht einfach so wegdrücken. Denn sie sind ja nicht bewusste Böswilligkeit und Ignoranz, sondern ein Mittel, unverstandene (oder unverständliche) Dinge auf einen einfachen Kern zu reduzieren und in ein »Gut-Böse-Schema« einzuordnen. Jeder von uns tut das an der einen oder anderen Stelle: Die verbreiteten Inflationserwartungen der letzten Jahre oder die Haltung gegenüber Südeuropa hatten auch oft mehr mit fehlendem Vertrauen zu tun als mit der Sache.

 

Ihr fachliches Selbstverständnis muss die Landwirtschaft nicht aufgeben. Doch gesellschaftliche Irrationalitäten fordern künftig mehr als nur Kommunikation. Akzeptanz wird zur realen Herausforderung für die Weiterentwicklung der Betriebe – wie heute der Wettbewerb oder die Marktlage.

 

Thomas Preuße

Chefredakteur der DLG-Mitteilungen

 

Dieser Kommentar ist erschienen in den DLG-Mitteilungen 01/2014

 

Hintergrund:

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